
Ich erinnere mich noch genau an diesen Samstagnachmittag im Frühling 1983: Der Himmel über dem Revier war grau, und schon am Morgen lag eine Mischung aus Vorfreude und rauer Alltäglichkeit in der Luft. Aus einem offenen Fenster schaute Billie Jean nach Michael Jackson, während aus der Wohnung nebenan Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow aufbrach, um die DDR zu erobern. Zwischen Garagen und Vorgärten flitzten Kinder zwischen Wäscheleinen auf ihren Fahrrädern herum oder bolzten auf dem Ascheplatz. Mit blutigen Knien und schmutzigen Trikots rannten sie dem Lederball hinterher. Vor den Garagen schraubten Väter mit ihren Söhnen an Opels und Fords. Der Duft von Motorenöl vermischte sich mit dem Geruch von frisch gekochtem Eintopf, der aus den Küchen aufstieg. Dazwischen roch es nach türkischem Börek, italienischer Pasta mit Bolognese-Sauce oder griechischem Souvlaki. All diese Gerüche verschmolzen zu einem lebendigen Duft, der das Revier ausmachte.
Ich war 15 Jahre alt, trug eine abgewetzte Jeansjacke mit NDW-Aufnähern und hatte meinen Walkman um den Hals hängen. Mit dem Mofa kurvte ich durch die Zechensiedlung und genoss das unbeschwerte Gefühl. Die Häuser standen dicht an dicht, jedes mit einem kleinen Vorgarten, in dem Geranien blühten oder Kohl wuchs. Die Siedlung war unser Herzstück, ein multikultureller Flickenteppich.
Aus dem Jugendzentrum dröhnte englischer Punk und Neue Deutsche Welle. Mit ihrer Musik, den Föhnfrisuren und ihrer Kleidung rebellierte die Jugend gegen die Spießigkeit der Gesellschaft. Weiter ging es an der Trinkhalle vorbei, wo es gemischte Tüten, Cola aus Glasflaschen, Eis und Klatsch aus der Nachbarschaft gab. Ein paar Kurven weiter stand ich am Fuß der Halde. Ich suchte mir ein Loch im Maschendrahtzaun und kletterte auf den Gipfel, von dem aus man einen herrlichen Blick über die Vorgärten bis zu den Fördertürmen hatte. Zu Hause fragte niemand, wohin man gegangen war oder was man den ganzen Tag gemacht hatte. Hauptsache, man war wieder da, wenn die Straßenlaternen angingen. Das war die kleine Freiheit der Jugend.
Der Pott der 80er Jahre war keine heile Welt. Zechen schlossen reihenweise: Zollverein, Schlägel & Eisen, Schachtanlage Hugo. Wer unter Tage gearbeitet hatte, wusste, wie hart Knochenarbeit sein konnte, und dass harte Hände oft ein weiches Herz verbargen. Doch gerade in diesem rauen Alltag wuchs ein Zusammenhalt, der heute vielen fehlt. Aus Kohle und Staub entstand Neues: Schwarz-graue Halden wurden zu grünen Hügeln, manche Zeche wandelte sich zum Kulturort, Aussichtspunkt oder Park. Wer früh genug aufstand, um die Sonne über dem Revier aufgehen zu sehen, spürt noch heute diese Mischung aus Stolz und Hoffnung, die damals durch jede Straße, jeden Hof und jedes Treppenhaus floss. Aber auch die Abendsonne hat ihren Reiz, wenn ihre Streiflichter die noch erhaltenen Fördertürme in warme Farben tauchen. Der Pott bleibt der Puls der Republik, ehrlich und warm.
Beim Thema Fußball wusste im Revier jeder, wie sehr es alles andere überstrahlen konnte, egal, für welchen Verein das Herz schlug. Der Samstag war heiliger als jeder Feiertag und ganz egal, ob Schalke oder Dortmund – der ganze Pott war im Fieber. Schon Tage vorher brodelte es in den Trinkhallen, auf den Straßen und in jeder Kneipe: Es wurde diskutiert, gewettet, Späße gemacht, gestritten, laut gelacht und der Rivale provokant beleidigt. „Blau und Weiß, wie lieb ich dich“, hörte man in Gelsenkirchen, während in Dortmund die Stimmen sich erhoben: „Schwarzgelb für immer!“ – und beide Lager waren sich bewusst, dass dieses Spiel mehr war als nur ein Fußballspiel. Es ging um Stolz, Leidenschaft und Identität, es ging um das Revier in Reinform. Die Rivalität zwischen Schalke 04 und dem BVB war legendär – ein Feuer, das uns alle einte und zugleich trennte.
Dann stand das Revierderby im Parkstadion an. Das ganze Viertel marschierte wie eine große Familie durch die Straßen zum Stadion. Die Schals um den Hals, die Fahnen flatterten im Wind, und jeder Schritt Richtung Parkstadion wurde von Fangesängen begleitet: „Heute gibt’s Haue für die Schwarzgelben!“ rief jemand. Von der anderen Straßenseite wurde die Provokation mit „Ihr seid asoziale Schalker!“ gekontert.
Das Stadion bebte. Jeder Pass, jeder Zweikampf wurde zu einem Herzschlag, der sich mit jedem Trommelschlag der Fans und dem Gesang der Blöcke verstärkte. Wenn Schalke traf, explodierte das Stadion. Wenn Dortmund ein Tor schoss, versank die Welt kurz in sich zusammen. Diese Rivalität tat weh, gab dem aber allem einen Sinn. Bierduschen nach Toren, Freudentränen auf der einen und bittere Enttäuschung auf der anderen Seite, Umarmungen mit Fremden - all das gehörte dazu. Und wer einmal mitten in diesem Chaos stand, spürte den Rausch des Reviers so direkt, dass er ihn nie mehr vergessen konnte.
Neben mir stand ein älterer Fan mit rauchiger Stimme und ausgemergeltem, von tiefen Falten durchzogenem Gesicht.„Dat hier“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter, „dat is nich nur Fußball. Dat is unsere Leidenschaft. Merk dich dat!“ Ich lächelte ihn an und wusste es besser. Fußball war mehr als Leidenschaft, er war Religion, der Pulsschlag des Ruhrgebiets.
Nicht jede Geschichte hat ein Happy End – so auch dieser Fußballnachmittag nicht. Während Bernard Dietz die Königsblauen in der 48. Minute noch in den Fußballhimmel schoss, holte Rüdiger Abramczik sie in der 63. und 80. Spielminute wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Doch diese schmerzliche Niederlage sollte noch nicht das Ende sein – das kam erst ein paar Monate später mit dem Abstieg. Ja, der Fußball kann grausam sein. Auf dem Weg aus dem Stadion lief ein Mann mit einem gelben Schal neben mir her und grinste breit. „Egal, Kumpel“, sagte er, „Hauptsache, watt los im Revier!“ Ich zwinkerte ihm zu. „Ja, Hauptsache watt los!“ In den Farben getrennt, in der Sache vereint.
Nach dem Spiel zog sich der Pott langsam in die Abenddämmerung zurück. Alte Fördertürme glänzten im letzten Licht der Sonne, während das Grün der Halden im Dunkel verschwand. Wir haben in den 80ern gelebt, gelacht, gearbeitet, geliebt, gestritten und immer weitergemacht. Wer einmal erlebt hat, wie das Stadion vibriert, wie ein ganzer Block singt und wie sich Freundschaft und Stolz inmitten von Rivalität vereinen, der weiß, dass der Pott mehr ist als nur eine Heimat. Er ist ein Gefühl, ein Rhythmus, unbesiegbar in seiner rauen Wärme. Und wenn die Nacht über die Halden fällt, hört man es immer wieder durch die Siedlungen hallen, aus den Treppenhäusern, aus den Küchen, über die Plätze und Parks hinweg: „Glückauf.“ Ein Gruß, ein Versprechen, ein Stück Herz. Und ich wusste schon damals: Egal, wie sich die Welt dreht und wohin es mich verschlägt, der Pott bleibt immer mein Zuhause.
Ivano Fargnoli ( 2026 )